Schritt für Schritt zum TöpfchenKinder beim Sauberwerden begleitenGabriele Haug-Schnabel
![]() © Anita P Peppers - fotolia.com sichter. "Das weiß ich gar nicht mehr so genau", heißt es schließlich. "Aber bei beiden war das in etwa vergleichbar: Irgendwann haben sie zuerst tagsüber und dann auch nachts keine Windeln mehr gebraucht. Das kam ganz von allein." Eine typische Antwort von Eltern, deren Kinder problem- los sauber und trocken geworden sind. Diese glücklichen Eltern haben viel zu wenig auf den Entwicklungsverlauf geachtet, um sich später noch an Einzelheiten erinnern zu können. Wie wird ein Kind denn normalerweise sauber und trocken? Das Sauberwerden ist ein Reifungsprozess, für den jedes Kind seine im "gene-tischen Programm" vorgegebene Zeit braucht. Damit Kinder Darm und Blase kontrolliert entleeren können, müssen die anatomischen Strukturen intakt und die Nervenbahnen so weit ausgereift sein, dass als Erstes während der Füllungs-phase nichts mehr "passiert"; als Nächstes können Kinder den vollen Darm oder Harndrang wahrnehmen und schließlich sogar richtig auf diese Signale reagieren. Der Darm ist leichter zu kontrollieren als die Blase. Deshalb kommt es bei den meisten Kindern zuerst nachts zu keinem Stuhlgang mehr. Recht schnell landet dann auch tagsüber der Kot im Töpfchen oder im Klo. Und oft dauert es nur wenige Wochen, bis tagsüber ganz auf eine Windel verzichtet werden kann, da die Kinder nun auch zur Harnabgabe Topf oder Klo aufsuchen. Der letzte große Erfolg ist die trockene Nacht. Bis dahin, bis zur perfekten Blasenkontrolle, hat das Kind in der Regel sieben Entwicklungsschritte durchlaufen (s. Kasten). In welchem Alter sollten Kinder sauber und trocken sein? Ein Kind sollte nach Expertenmeinung mit fünf Jahren tags und nachts tro-cken sein. Bis zu diesem Alter spricht man nicht von Einnässen, und bis dahin können auch 85% aller Kinder ihre Blase perfekt kontrollieren. Diese Altersfestlegung ist deshalb sinnvoll, weil eine noch nicht perfekte Blasenkontrolle in den Jahren zuvor noch sehr häufig und keineswegs als problematisch oder gar bedenklich im Hinblick auf die weitere Entwicklung anzusehen ist. Viele internationale Studien zeigen, dass Kinder im Durchschnitt mit 28 Monaten am Tag trocken werden und mit durchschnitt- lich 33 Monaten stabil trockene Nächte haben. Wie das Wort "Durch- schnitt" sagt, gibt es schnellere und langsamere Kinder. Die Sensation dabei ist: diese Zahlen sind völlig unabhängig davon, ob Eltern eine Sauberkeitserziehung durchgeführt haben oder nicht! Weiß man um die biologische Seite des Geschehens, kann diese Tatsa- che nicht überraschen. Reifungsprozesse sind von außen in ihrer Geschwindigkeit nicht zu beein- flussen. Deshalb können Eltern ihrem Kind auch durch Wecken oder abend- liche Flüssigkeitseinschränkung nicht schneller zu einer trockenen Nacht verhelfen. Die Hoffnung, eine weni- ger gefüllte Blase sei einfacher zu kontrollieren, trügt. Das Einnässen passiert oft bereits in den ersten beiden Stunden nach dem Zubettge- hen; bei den meisten Kindern auf jeden Fall vor Mitternacht, während einer Zeit also, in der die Blase noch gar nicht voll ist. Die nächtliche Harnabgabe hängt nicht von der Flüssigkeits- menge, sondern von noch nicht unterdrückten nervösen Impulsen ab, die eine spontane Entleerung auslösen. Was wird heute unter Sauberkeitserziehung verstanden? Bevor die nötigen Reifungsschritte abgeschlossen sind und das Kind seinen Harndrang wahrnehmen kann, nützt Sauberkeitserziehung nichts. Wenn Eltern Anzeichen für Harndrang bei ihrem Kind beobachten, können sie ihm Töpfchen oder Toilette anbieten - aber nur anbieten, nicht aufzwingen. Ist das Kind bereit für Sauberkeit, schaut es sich von seinen Eltern, Geschwistern und Kindergar- Was ist, wenn nach dem fünften Geburtstag Hose oder Bett noch oft nass sind? Von dieser Situation sind etwa 15 % der Fünfjährigen betroffen. Sie brauchen vor allem Geduld und Unterstützung, um ebenfalls trocken zu werden. Erfreulicherweise haben nur wenige dieser Kinder eine Form der Inkontinenz, d. h. nur selten klappt die Harnabgabe aufgrund organischer oder funktioneller Gründe nicht. Viele Kinderärzte haben sich heute auf ein nicht belastendes und dennoch aussagekräftiges Untersuchungspaket geeinigt, um eine Inkontinenz, die dann entsprechend medizinisch behandelt werden muss, schnell und eindeu- tig von der Enuresis, dem Einnässen ohne organische Ursachen, trennen zu kön- nen. Bei Kindern mit Enuresis steht, obwohl sie einnässen, die Blase nicht im Vorder- grund der therapeutischen Bemühungen. Die Arbeit mit diesen sensiblen und verletzlichen Kindern hat gezeigt, dass es belastende Tagesereignisse sind, die zum Einnässen kurz nach deren Auftreten (Tagnässen) oder zum Einnässen in der darauf folgenden Nacht (Nachtnässen) führen. Ausgewertete Einnäss-Kalen- der belegen, dass bei über 80% der nassen Nächte konfliktreiche und aufregen- de Tage vorangegangen waren. Diesen Belastungen auf die Spur zu kommen und sie bewältigen zu lernen, ist für Kinder mit Enuresis der erfolgreichste Weg zum Sauberwerden.
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