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Kein Blatt vorm Mund

von  Anja Krumpholz-Reichel
 

Süß, wie sie da sitzen, die lieben Kleinen, in der U-Bahn aufgereiht, die Bäckchen rot vor Freude, das Rucksäckchen mit der Limonade auf dem Schoß. "In den Zoo soll es also gehen?", erkundigt sich freundlich eine ältere Dame, beugt sich ein bisschen vor und streicht meinem damals vierjährigen Sohn über den Scheitel. Da hat sich die Lady zu weit aus dem Fenster gelehnt. "Geh weg! Du stinkst aus dem Mund", schreit mein Sohn, hält für alle sichtbar die Luft an - und rutscht demonstrativ zur Seite.

Darf man das? Erschrocken suchen dutzende Augenpaare das U-Bahn-Abteil nach der Mutter ab. Die Mutter bin ich. Soviel ist klar. Doch was soll ich jetzt machen? Meinen Sohn zusammenstauchen, weil er sich gegen die tätschelnden Übergriffe fremder Frauen zur Wehr setzt? Eine scharfe Zurechtweisung ist das Mindeste, was die Gesellschaft in dieser Situation von mir erwartet. Was aber, wenn die alte Dame nun tatsächlich unter Mundgeruch leidet - und mein Sohn ihr einfach die Wahrheit ins Gesicht gesagt hat? Soll ich dann meinen Sohn der Lüge bezichtigen und ihm unterstellen, seine Wahrnehmungen von der Welt wären falsch? Oder soll ich mich vielleicht aus der Affäre ziehen, indem ich salomonisch sage: "Kann ja sein, mein Schatz, dass die freundliche Dame etwas streng aus dem Mund riecht, aber du darfst es ihr nicht sagen."

Dieses Vorgehen wäre zumindest inhaltlich korrekt, aber mit gesellschaftlichen Konventionen wohl kaum vereinbar. Weil nämlich nicht ist, was nicht sein darf. Und das ist genau das Problem (das mich übrigens in meiner eigenen Kindheit schon unendlich genervt hat): Dass Erwachsene immer so tun als wäre da nichts, obwohl jeder sehen kann, dass da was ist. Man stelle sich zehn Personen an der Bushaltestelle vor. Einer davon hat eine andere Hautfarbe, oder eine von der Norm abweichende Größe, Übergewicht, Hakennase, Ausschlag, Arm ab, Mundgeruch. Was auch immer. Angestrengt blicken die meisten Menschen in eine andere Richtung und beobachten unsichtbare Vögel oder Flugzeuge. Die auffällige Person bleibt so unbehelligt, das schon. Aber doch gleichzeitig auch stigmatisiert und abgestempelt. Die merkt das doch, wenn alle an der Bushaltestelle plötzlich angespannt beginnen, den Himmel nach Flugobjekten abzusuchen. Kinder gehen eben drauf zu und fragen mal nach, was da eigentlich los ist.

Ist das wirklich so schlimm? Klar ist es unangenehm, öffentlich auf Normabweichungen angesprochen zu werden. Die Gesichtslähmung, die mich im Alter von 15 Jahren heimsuchte, war nervtötender Gesprächsanlass, wo immer ich auftauchte. Doch wenigstens stand ich in den Pausen nicht alleine auf dem Schulhof.

Ich denke nach wie vor, die meisten Vorurteile gegen Übergewichtige, Hakennasige und Menschen aus anderen Kulturkreisen sind bei denen im Spiel, die alle Gelegenheiten zur Konfrontation auslassen - und sich jedes Mal mit den Worten "War da was?" abwenden. Warum nicht an der Bushaltestelle über Afrika und Gesichtslähmungen sprechen? Ich finde: Kinder dürfen das. Und weil ich gerade schon dabei bin: Kinder sind auch nicht unbedingt toleranter als Erwachsene. Wie grausam Kinder sein können, hat jeder erfahren, der, selbst ein kleiner molliger Erstklässler mit schwerem Ranzen, an einer Horde Viertklässler vorbeimusste. Meine Hoffnung ist, dass die Jungen ihre Vorbehalte formulieren und somit sich und anderen damit vielleicht die Chance einer Annäherung geben. So. Und jetzt verrate ich noch, was ich damals wirklich dachte in der U-Bahn. Ich dachte: Möglicherweise muss die Lady mal wieder zum Zahnarzt. Gesagt habe ich natürlich nichts. Stattdessen habe ich für alle gut hörbar den Vornamen meines Sohnes drohend durch die Zähne gezischt, so, wie nur Eltern das können. Damit alles seine Ordnung hat.
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