 |
 |
  |
 |
 |
 |
|
 |
 |
 |
 |
 |
 |
| Nächtliches Wandern |
|
| |
Frage:
Unsere Tochter ist vier Jahre. Kurz vor ihrem 2. Geburtstag fing sie an, nachts aufzustehen und ins Ehebett zu kommen. Dort schlief sie sofort weiter. Bringen wir sie in ihr Bett zurück, dauert es nicht lange und sie geht wieder "wandern". Das Ganze geht nun schon zwei Jahre so. Wir haben sie schon bis zu 15 mal in einer Nacht in ihr Bett zurückgelegt. Mit Medikamenten (Avedorm-Beruhigungssaft) wurde es noch schlimmer. Und andere Medikamente wollen und werden wir nicht ausprobieren.
Nun ist es aber so: unsere Tochter ist ein ausgesprochen lebhaftes Kind. Sie steckt trotz ihrer unruhigen Nächte voller Energie. Manchmal ist sie absolut nicht zu bremsen. Da hilft kein liebevolles Eingehen und auch kein Schimpfen. Leider bekomme ich von meinem Hausarzt immer nur zu hören, ich sollte doch froh sein, dass sie so lebhaft ist. Wir haben noch einen sechsjährigen Sohn, der das ganze Gegenteil von ihr ist. Er schlägt auch mal über die Stränge, aber er kennt und respektiert die gesetzten Grenzen. Wir haben beide Kinder gleich erzogen und trotzdem sind sie so unterschiedlich. Ich würde mich freuen, wenn sie uns helfen könnten. Besten Dank im Voraus.
Antwort von Daniela Liebich:
Schlafstörungen sind ein sehr umfangreiches Gebiet. Dazu vorab: Schlafstörungen sind bei unseren Kindern heute weitgehend normal! Ca. 85 % aller Vierjährigen zum Beispiel wandern nachts oder schlafen sowieso im Elternbett. Je lebhafter und intelligenter, um so unruhiger der Schlaf. Hier stichpunktartig einige Gedanken dazu:
1. Einige mögliche Ursachen: Hektik, Lärm, Umweltbelastungen, Stress der Erwachsenen beeinflussen die kleine Seele. Oft überfordern auch tägliche Unternehmungen, Kurse, große Kindergartengruppen mit nicht ausbleibenden sozialen Konflikten. "Schaffe ich das Alles?" Und: "Ich muss dieses verdammte Leben alleine leben" - das begreift man in diesem Alter. Richtige erste, kleine Lebensängste entstehen. Entwicklungspsychologisch geschieht sehr viel! "Magische Phase", starke Phantasieentwicklung, erste Trennung von den Eltern (Kiga), man wird langsam groß! Oft wird jetzt viel geschimpft und gestraft?! All das macht eventuell viel Angst.
Weiterhin könnten es doch medizinische Gründe sein: z.B. ungünstige Ernährung, es gibt Kinder, die sehr empfindliche Verdauung haben und deswegen nachts oft aufwachen. Weiterhin könnten zum Beispiel eine chronische Blasenentzündung oder kindl. Zucker an dem ständigen Aufwachen schuld sein.
2. Als Nächstes ein paar Fragen an Sie, die Sie für sich selbst (und mit Ihrem Partner) beantworten können. Manche mögen vielleicht im ersten Moment verwunderlich oder gar provokant erscheinen. - Lassen Sie sie einfach mal auf sich wirken.
- Wer in Ihrer Familie hat das Problem (am stärksten) - also wem müsste geholfen werden?
- Wozu macht Ihre Tochter das? Also, was bekommt, was gewinnt sie dadurch! Was ist der Effekt, ihr direkter Nutzen?
- Gibt es etwas in der Familie, was dem Kind "schlaflose Nächte" bereiten könnte (auch wenn Sie denken, es weiß das nicht)?
- Was geschieht für die ganze Familie durch dieses Problem?
- Was ist der Gewinn, den die ganze Familie oder jemand Einzelner daraus zieht? Sozusagen der "gute Grund", weshalb Sie sich das Thema seit zwei Jahren erhalten?
- Haben sich in der Familie dadurch Beziehungen verändert? Z.B. zu Ihrem Partner, zu Ihrem großen Sohn?
- Wie ist das Problem z.B. für den großen Bruder?
- Was wäre, wenn das Problem nächste Woche vorbei wäre? Mit welchem Thema müsste sich die Familie dann befassen?
- Fällt Ihnen etwas ein, womit Sie das Problem verschlimmern könnten? Oder auch: was müsste allgemein geschehen, damit Ihre Tochter noch häufiger aufwacht?
- Wie kann das Kind tagsüber Spannung abbauen (Mittagsschlaf, Entspannungsrituale, alleine ruhig spielen oder Musik hören, mit Ihnen allein kuscheln etc.)?
Vielleicht fällt Ihnen zu einigen dieser Fragen erst mal gar nichts ein - das macht nichts, lassen Sie sie ein bisschen wirken. Vielleicht bringen manche der Fragen Sie ein Stückchen weiter.
Zum Schluss jetzt noch, in aller Kürze,
3. ein paar Tipps:
- Ich lese aus Ihrem Brief zusätzlich das Thema "Grenzen". Und letztlich ist es ja auch das, was Ihre Tochter jede Nacht tut: sie überschreitet Grenzen aus ihrem Bett heraus, in Ihren Intimbereich hinein. Ist das das eigentliche Thema?
- Also: verhalten Sie sich möglichst klar und eindeutig. Weiß Ihre Tochter wirklich, was Sie von ihr wollen? Sucht sie Grenzen, Eindeutigkeit oder auch die Antwort auf irgendeine Frage?
- Sprechen Sie immer wieder mit ihr über das Thema Schlafen. Freundlich und liebevoll; was Sie von ihr wollen. Darüber, dass nachts geschlafen wird. Es gibt auch gute Bilderbücher zu dem Thema.
- Sprechen Sie mit ihr über Ängste. Sagen Sie nicht, sie bräuchte keine Angst haben, sondern dass Sie bei ihr sind und sie immer schützen, sie zusammen alles schaffen.
- Achten Sie bei diesem lebhaften, cleveren Kind sehr auf einen sehr regelmäßigen Tagesablauf. Alles muss verlässlich und sicher sein.
- In diesem Alter sind Kinder sehr empfänglich für alles magische, mystische, religiöse. Symbolfiguren wie Schutzengel, Kreuze, Abendgebete, aber auch weltliche Symbole und "Freunde" im Bett wirken oft sehr hilfreich: der starke Teddy-bär oder der Polizeihund Rex als Stofftier.
- Checken Sie immer wieder alle formalen Dinge wie Raumklima, Temperatur, kleines Licht im Zimmer etc.. Oft hilft es auch, das Bett zu verstellen - und schon schläft man besser.
- Suchen Sie einen guten homöopathischen Kinderarzt auf. Gerade bei Schlafstörungen hat man hier oft sehr gute Ergebnisse mit dem passenden homöopathischen Mittel. Auch Bachblüten sind möglich oder die kurzzeitige Gabe von Mineralien. Magnesium-, oder Zinkmangel zum Beispiel kann "schlaflos" und unruhig machen.
- Verreisen Sie mal und geben Sie das Kind für ein paar Tage zu jemand anderem (Oma, Tante, Freundin). Diese sollen freundlich und eindeutig sagen, dass bei ihnen nachts geschlafen wird, im eigenen Bett! Warten Sie ab, was geschieht.
- Laden sie eine Freundin zum Übernachten ein. Wie wird Anne sich verhalten? Es geht evtl. darum, dieses "in-Ihr-Bett-wander-Spiel" zu unterbrechen.
- Bauen Sie sich ein Bett, welches groß und breit genug ist für drei, oder legen Sie eine Matratze daneben, und lassen Sie Ihre Tochter für die nächsten Monate bei sich schlafen.
Vielleicht braucht das Kind wirklich sehr notwendig Ihre Nähe, Ihre Wärme - aus welchem Grund auch immer! Keine Sorge, Sie verwöhnen es dadurch nicht. Wir Mitteleuropäer sind sowieso fast die einzige Kultur, die ihre Kinder alleine schlafen lässt. Und viele Kinder schaffen dass in unserer chaotischen Welt und Zeit eben nicht!
Die höchste Kunst in der Erziehung ist, zu erkennen, was dieses KInd jetzt, in diesen Jahren braucht!
Keine Sorge, weiterhin, in ein bis eineinhalb Jahren, will sie dass sowieso nicht mehr und schläft die nächsten 80 Jahre ohne Sie. Die Zeit vergeht sehr schnell, und ich verspreche Ihnen, wenn sie 12 und 14 ist, freuen sie sich so, wenn abends, nachts oder morgens ein staksiger Teenie zu Ihnen ins Bett steigt - doch glauben Sie mir, das wird dann sehr selten! Das Problem dabei ist die Intimität und Sexualität mit Ihrem Partner. Sie müssen also darüber reden und auf andere (kreative) Möglichkeiten dazu ausweichen. (Kann sowieso ganz belebend sein!)
- Abschließend noch zwei Buchtipps, da das Thema in der Kürze wirklich nur anzureißen ist:
- Daniela Liebich "Team -Familie" Oberstebrink Verlag. (Ein Buch über Entwicklungspsychologie von 1-13 Jahren für Eltern und über die sich verändernde Familiendynamik); S. 46 ff. über Schlafstörungen und S.104 ff. über das Alter zwischen drei und sechs Jahren.
- Das Buch "Jedes Kind kann schlafen lernen " von A. Kast-Zahn und Morgenroth werden Sie wahrscheinlich sowie so schon kennen?
Ich wünsche Ihnen alles Gute - und trauen Sie sich ruhig mal, dem Kind nachzugeben. Sagen sie Ihrer Tochter, sie darf die nächste Zeit bei Ihnen schlafen, wenn sie möchte, weil Sie sie so lieb haben! Sie machen damit bestimmt keinen Fehler!
Beste Grüße,
Daniela Liebich
|
 |
|
|
 |
 |
|