 |
 |
  |
 |
 |
 |
Gesund & munter | Ernährung |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
| "Aktiv werden!" |
|
| |
Jedes sechste Kind und jeder vierte Jugendliche in Deutschland leiden unter Übergewicht (Adipositas). FITOC (Freiburg Intervention Trial for Obese Children) heißt ein ambulantes Programm für übergewichtige Kinder und Jugendliche der Rehabilitativen und Präventiven Sportmedizin der Universitätsklinik Freiburg. mobile-elternmagazin.de sprach mit der Leiterin des Projekts, Frau Dr. Ulrike Korsten-Reck.
mobile-elternmagazin.de: In den letzten Jahren wird immer wieder berichtet, dass die Zahl übergewichtiger Kinder und Jugendlicher in den Industrienationen ansteigt. Was sind die Ursachen für diese Entwicklung?
Korsten-Reck: Das Übergewicht hängt mit einer Kombination von Fehlernährung auf der einen Seite und mangelnder körperlicher Aktivität auf der anderen Seite zusammen. Hinzu kommt, dass in unserer modernen Medienwelt Kinder immer mehr sich selbst überlassen werden. Familien verfügen über wenig gemeinsame Zeit, was sich auch auf die Ernährung auswirkt. Es wird nicht mehr richtig gekocht, sondern irgendwas in den Backofen oder in die Mikrowelle geschoben. Der Zugang zur gesunden Ernährung ist für viele Kinder heute sehr viel schwieriger als früher. Ein Bespiel: "Die Mohrrübe, wo wächst die?", fragen wir innerhalb des Programms. Es ist erschreckend, dass viele Kinder nicht wissen, dass die Karotte im Boden steckt und oben Grünzeug dran hat. Für sie ist die Mohrrübe einfach ein Produkt aus dem Supermarkt, in Styropor eingepackt. Zu beobachten ist eine Entfremdung von unseren Nahrungsmitteln.
mobile-elternmagazin.de: Worin besteht der Ansatz des Freiburger FITOC-Programms? Wie versuchen Sie hier, übergewichtigen Kindern und Jugendlichen zu helfen?
Korsten-Reck: FITOC ist ein Gruppenprogramm und es ist ein ganzheitliches Programm. Das heißt, dass wir den Kindern sehr viel Bewegung anbieten, versuchen ihre Ernährung zu verändern und auch ihre weiteren Grundbedürfnisse respektieren. Wie wir aus der Sportmedizin wissen, kann man über Bewegung wieder zu seinem Körper finden und lernen, Dinge selber zu bewältigen. Das ist der eine Punkt. Der andere Punkt ist, dass die Eltern miteinbezogen werden. Wir arbeiten also direkt im kindlichen Umfeld und orientieren uns am familiären Alltag. Das ist ein großer Vorteil, bedeutet aber auch, dass wir uns in ganz kleinen Schritten vorwärtsbewegen. Dabei müssen wir immer wieder überprüfen, welche Möglichkeiten die einzelnen Familien haben, aktiv zu werden. Insgesamt führen wir die Kinder in unserem Programm zurück zu einem natürlichen Umgang mit Bewegung, mit Körperlichkeit und mit Ernährung. Das, denke ich, können wir leisten.
mobile-elternmagazin.de: Welche Altersgruppen spricht FITOC an?
Korsten-Reck: Ursprünglich war unser Programm nur für die Altersgruppe der 8-11-Jährigen. Ergänzend haben wir jetzt auch ein Miniprogramm (ab vier Jahren) und fangen gerade mit einem Kindergartenprojekt an. Dabei beobachten wir, dass viele Eltern, die übergewichtige Kleinkinder haben, denken, dass sich das von alleine rauswächst. Bei den Kindern, die wir jetzt schon erfasst haben, zeigt sich jedoch, dass es bereits in diesem Alter sehr verhärtete Strukturen gibt.
mobile-elternmagazin.de: Was steht für die Kinder und Jugendlichen, die an FITOC teilnehmen, auf dem Programm? Wie sieht ihr konkreter Alltag aus?
Korsten-Reck: Die Kinder im Basisprogramm machen dreimal die Woche Sport und nehmen alle vier bis sechs Wochen an einem Kinderkochnachmittag teil, bei dem wir Praxis und Theorie verbinden. Hier dürfen sie wirklich selbst etwas machen, das ist uns ganz wichtig. "Aktiv werden!", ist unser Slogan, nicht eine passive Haltung einnehmen, sich bedienen lassen, sondern Selbstverantwortung übernehmen. Essverbote gibt es keine, das ist auch ganz wesentlich. Parallel zum Programm für die Kinder gibt es Elternabende, so dass das Programm in der ganzen Familie läuft.
mobile-elternmagazin.de: Muss also die ganze Familie ihren Lebensstil ändern, wenn ein Kind beim FITOC-Programm mitmacht?
Korsten-Reck: Genau. Die Eltern müssen reflektieren, was läuft bei uns gut, was läuft bei uns nicht so toll und was können wir vielleicht verändern. Manchmal geht es nur darum, dass sie auf Gewohnheiten hingewiesen werden und sie erleben dann einen richtigen Aha-Effekt. Wichtig sind für die Familien die ganz kleinen Veränderungen, bei denen sie merken, es ist möglich, einen neuen Lebensstil zu finden. Das ist ein richtiger Trainingsprozess.
mobile-elternmagazin.de: Wie kann man Familien mit übergewichtigen Kindern ansprechen und ermutigen, sich professionelle Hilfe zu suchen?
Korsten-Reck: Was wir schaffen müssen, ist, den Eltern ohne Schuldzuweisung Mut zu machen, zu uns zu kommen. Wir müssen ihnen signalisieren, dass sie hier angenommen werden und dass wir versuchen, einen wirklich individuellen Weg mit ihnen zu gehen, bei allen Rahmenvorgaben, die wir natürlich machen müssen.
mobile-elternmagazin.de: Wie wird das Programm finanziert?
Korsten-Reck: Zur Zeit wird das Programm von den Krankenkassen auf Antragstellung gezahlt. Die Eltern tragen einen Eigenanteil von 26 € im Monat, über ein Jahr. Was wir darüber hinaus anbieten, also die halbjährlichen Nachfolgeuntersuchungen, das müssen wir aus Drittmitteln finanzieren. Damit wir Gelder bekommen, müssen wir in der Öffentlichkeit auf das Problem aufmerksam machen. Und eben auch auf die Notwendigkeit einer Therapie, weil Adipositas eine chronische Erkrankung ist.
mobile-elternmagazin.de: Hat das Programm bei den teilnehmenden Kindern und Jugendlichen einen langfristigen Erfolg?
Korsten-Reck: Man kann ganz klar sagen, dass die Kinder, die regelmäßig beim Programm mitmachen, zu den Kontrolluntersuchungen kommen, und deren Eltern auch regelmäßig teilnehmen, langfristig gute Erfolge haben. Aber es braucht einen langen Zeitraum, bis sich Verhaltensweisen stabilisieren. Das muss in die Köpfe rein. Und da ist es natürlich kontraproduktiv, wenn in den Medien und Zeitungen über Diäten von soundsoviel Kilos Gewichtsabnahme in soundsoviel Wochen berichtet wird. Das bringt unser Konzept nicht weiter. Und es ist natürlich unpopulär, wenn ich sage, wir brauchen vielleicht drei Jahre Nachfolge-untersuchungen, um einen endgültigen Erfolg bestätigen zu können. In anderen Bereichen - zum Beispiel in der Kieferorthopädie - da akzeptiert man lange Zeiträume, aber bei der Adipositas akzeptiert man das einfach nicht. Wir müssen also noch viel Öffentlichkeitsarbeit betreiben, um das wirklich transportieren zu können.
Die Fragen stellte Julia Ubbelohde.
|
|
|
 |
 |
Tornados im Wasserglas |
Mit mobile aktiv den Forschergeist fördern
|
Neu im Shop: |
|
|
|