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| Verschieden, aber gemeinsam |
Integrative Schulen für Kinder mit und ohne Behinderungen
von Christoph Pesch
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Gernot hat bei einem Autounfall eine schwere Hirnquetschung erlitten. Seitdem lebt er mit neurologischen und psychischen Beeinträchtigungen. Seine Schwester Irmtraud Tarr und ihr Mann haben ihn bei sich aufgenommen. Ihre gemeinsamen Erlebnisse mit Gernot beschreibt Irmtraud Tarr in ihrem Buch "Mit beiden Beinen fest im Himmel": "Was denkt er? Was fühlt er? Wie erlebt er uns? Welche Erfahrungen macht er mit seinem Leben hier? Fragen, die mich immer wieder beschäftigen, weil ich nicht weiß, was er von mir und von uns erwartet. Will er in Ruhe gelassen werden, immer gut gefüttert und unterhalten werden? Oder lieber gefordert und gefördert? Fühlt er sich als Gast oder als Familienmitglied? Ich frage ihn. Spontan sagt er: ‚Wie ein Dazugehöriger', und streichelt mit den Mittelfingern meine Schulter."
Doppelter Lerneffekt
Dazugehörig - das könnte auch das Motto integrierender Schulen sein. Das sind Regelschulen, in denen nicht behinderte Kinder und Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf gemeinsam und voneinander lernen. "Behinderte Kinder werden in ihren Leistungen besser, Regelkinder wissen sehr schnell, welche Hilfe ihre behinderten MitschülerInnen brauchen. Sie lernen Rücksicht zu nehmen und zu erklären und werden so sicherer", beschreibt Ulla Wigger die Vorteile des gemeinsamen Unterrichts. Die Lehrerin der Overberg -Schule in Dülmen hat Ende der 90er Jahre eine Integrationsklasse vom ersten bis zum vierten Schuljahr durch die gesamte Grundschulzeit begleitet. Vier der insgesamt 22 SchülerInnen waren Kinder mit Beeinträchtigungen: drei lernbehinderte Kinder, ein hörbehindertes. Unterrichtet hat sie in dieser Zeit 12 Stunden pro Woche gemeinsam mit einer Sonderschulpädagogin.
Dieses sogenannte Zwei-Pädagogen-Prinzip ist ein wichtiger Bestandteil integrativer Erziehung, differenzierter Unterricht ein weiterer. Dabei berücksichtigen die LehrerInnen das unterschiedliche Leistungsvermögen der Kinder und unterrichten sie nach unterschiedlichen Lernzielen. In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel werden sprach-, körper- und hörbehinderte Kinder und Kinder mit Erziehungsschwierigkeiten zielgleich mit Regelkindern unterricht. Für Kinder mit einer Lernbehinderung oder geistig behinderte Kinder gelten andere Lehrpläne. Die unterschiedlichen Voraussetzungen, die die Kinder mitbringen, wirken sich auch auf die Unterrichtsformen aus. Je nach Lerngruppe variieren die gewählten Methoden. Um verstärkt auf die Bedürfnisse einzelner Kinder eingehen zu können, kann zum Beispiel freie Arbeit auf dem Plan stehen: "In einem Glasfach habe ich dann für den nächsten Tag verschiedene Materialien bereit gestellt. Die Kinder durften sich dort morgens bedienen und ich konnte rumgehen und mich mit einzelnen Kindern besonders beschäftigen", so Ulla Wigger.
Erhebliche Unterschiede in den Ländern
Bis zum gemeinsamen Unterricht mit nicht behinderten Kindern und Kindern mit besonderem Förderbedarf war es ein langer Weg. Geistig oder mehrfach behinderte Kinder galten in der Nachkriegszeit sogar als "schulbildungsunfähig". Erst von 1960 bis in die Mitte der 70er Jahre entstanden Sonderschulen und Schulen für geistig Behinderte. Jutta Schöler, Professorin für Erziehungswissenschaften an der TU Berlin, betrachtet diese Zeit als "Durchgangsphase": "Diese Einrichtungen haben für viele Kinder erst bewiesen, zu welchen Lernfortschritten sie bei der richtigen Unterstützung fähig sind." Sie hätten letztlich jedoch nicht zur gesellschaftlichen Integration beeinträchtiger Kinder in die Gesellschaft beigetragen, sondern selektive Wirkung gehabt.
Ein Bewusstseinwandel setzte in den 70er Jahren ein. Modellcharakter hatte dabei die private Montessori-Schule in München. Weitere Versuchsschulen sind ihr Anfang der 80er Jahre gefolgt. Seit 1994 ist der gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern auch von Seiten der Politik akzeptiert. In diesem Jahr vereinbarten die Kultusminister, dass Kinder mit Beeinträchtigungen nicht mehr nur an Sonderschulen, sondern verstärkt auch an allgemeinen Schulen unterrichtet werden sollen. Die gesetzlichen Grundlagen für die Integration an Schulen haben die Bundesländer inzwischen geschaffen. Dabei sind die Unterschiede jedoch groß. Während in manchen Bundesländern gemeinsamer Unterricht nur grundsätzlich bejaht wird, soll er in anderen auch vorrangig umgesetzt werden. Zieldifferenzierter Unterricht, in dem für beeinträchtige Kinder gesonderte Lehrpläne erstellt werden, ist nicht überall möglich. Wo dies nicht vorgesehen ist, können nur die Kinder allgemeine Schulen besuchen, die auch die regulären Ziele der Grundschule erreichen können. Auch bei den Umsetzungsformen gibt es erhebliche Unterschiede: neben der Integration einzelner behinderter Kinder in "normale" Klassen, nehmen sogenannte Integrationsklassen neben den Regelschülern mehrere Kinder mit besonderem Förderbedarf auf. Deren Zahl liegt bei einer Klassenstärke von 20 dann meist bei vier oder fünf.
"Es gibt nicht den einen richtigen Weg", sagt Andreas Hinz, Professor für Allgemeine Rehabilitations- und Integrationspädagogik an der Uni Halle. Einzelintegration könne den Vorteil haben, dass die Schule wohnortnah liegt. "Wenn die Sonderpädagogen aber nur für ein paar Stunden da sind, gibt es schnell Qualitätsprobleme," so Hinz. Bei Integrationsklassen könne dagegen ein Gruppendenken entstehen. Seine Empfehlung: "Man muss schauen, was das einzelne Kind braucht, damit es sich gut entwickeln kann."
Ängste und Widerstände
Selbstverständlich ist gemeinsamer Unterricht heute längst noch nicht. Laut einer Statistik der Kultusministerkonferenz von 2002 wurden im Jahr 2000 von 487 904 SchülerInnen mit sonderpädagogischem Förderbedarf 68 400 an allgemeinen Schulen unterrichtet. Davon wiederum besuchten 49 800 die Grundschule. Manfred Rosenberger geht der Prozess zu langsam voran. Er ist Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft Gemeinsam leben - Gemeinsam lernen, die sich für eine schrittweise Auflösung der Sonderschulen einsetzt. Aber: "Die Beharrungskräfte sind sehr, sehr groß," sagt er. Dabei gebe es keinen Grund mehr, die Sonderschulen heute noch weiter zu führen. Argumente gegen die Integration wie höhere Kosten oder schlechtere Leistungen seien inzwischen widerlegt. "Die Länder, die bei PISA vorne lagen, haben integrative Schulen. Differenziert arbeitende Schulen sind leistungsstärker. Aber keiner wagt es, eine radikale Schulreform anzupacken, die den Namen verdient."
Neben dem fehlenden politischen Willen tragen vor allem die fehlenden finanziellen Mittel und Widerstände gegen das Neue dazu bei, dass die Entwicklung seit einigen Jahren stagniert: "Viele Lehrer haben große Angst vor dem Kollegen im Unterricht. Und auch auf Seiten der Eltern gibt es Vorbehalte. Sie können sich oft nur vorstellen, was sie selbst erlebt haben. Wenn sie aber offensiv informiert werden, dann ist da ein richtiger Andrang auf die integrativen Klassen", so Andreas Hinz.
Doch die integrative Schule muss nicht immer der richtige Weg sein: "Es gibt einige Kinder, die eigentlich an der Sonderschule besser gefördert werden könnten. Aber die Eltern entscheiden sich anders, weil sie die entsprechenden Sonderschulen nur vom Hörensagen kennen", sagt Ulla Wigger. Dennoch rät sie: "Eltern und Lehrer sollten gemeinsam überlegen, was für das Kind am besten ist und dabei im Vorfeld immer auch die Sonderschulen besuchen." Dass es besser sein kann, wenn ein Kind die Sonderschule besucht, solange die Regelschulen nicht optimal ausgestattet sind, findet auch Manfred Rosenberger. Aber: "Das ist die falsche Alternative", sagt er. "Wenn die Politiker die Ressourcen umschichten würden, wären alle integrierbar. Es gibt für jede Beeinträchtigung eine Lösung. Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg."
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