Familie Eltern Kindergarten: mobile-elternmagazin.de Banner
Schulstart | Einschulung
"Gemeinsam zu einer einvernehmlichen Lösung"
Wer entscheidet über die Einschulung?
von  Interview mit Uta Reimann-Höhn
 
Bei der Einschätzung der Schulfähigkeit eines Kindes gehen die Meinungen von Eltern und Erziehern häufig weit auseinander. Dabei hängt die Entscheidung von vielen verschiedenen Aspekten ab.
 
 
0001926692_0001.jpg

© Grischa Georgiew - fotolia

Die meisten Eltern haben schon vor der Schulunter-
suchung eine Entscheidung darüber gefällt, ob sie ihr Kind in die Schule schicken wollen oder nicht. Manche wollen ihr Kind frühzeitig einschulen lassen, andere sind der Meinung, dass es besser ist, ihr Kind noch ein Jahr zurückzustellen. Bei der Schulunter-
suchung werden Eltern manchmal mit einer anderen Auffassung über die Schulfähigkeit ihres Kindes konfrontiert. Oft fühlen sie sich dann verunsichert und wissen nicht, wie sie sich weiter verhalten sollen. mobile-elternmagazin.de sprach mit der Diplom-Pädagogin Uta Reimann-Höhn über dieses Thema.


mobile-elternmagazin.de: Warum liegen Eltern, Erzieherinnen und Schule bei der Einschätzung, ob ein Kind schulfähig ist oder nicht, manchmal so weit auseinander?

Reimann-Höhn: Die liegen deshalb manchmal weit auseinander, weil Kinder sich in völlig verschiedenen Systemen bewegen und weil Eltern natürlich von einer ganz anderen Richtung her auf ihr Kind gucken als Erzieherinnen oder die Schule. Zu Hause befindet sich ein Kind in einem sehr geschützten Rahmen und steht oft nur im Einzelkontakt mit den Eltern. Deshalb kann es sich hier sehr gut in seiner ganzen Persönlichkeit zeigen. Im Kindergarten ist das Kind in einer ganz anderen Situation, da muss es sich in der Gruppe hervortun, muss sich in der Gruppe zeigen und Gruppenfähigkeit überhaupt erst mal erlangen. Das ist etwas, was Eltern häufig nicht mitkriegen, weil sie ihr Kind weitgehend zu Hause erleben und nicht zusammen mit fremdem Kindern.

0000283003_0001.jpg

Zur Person:

Uta Reimann-Höhn ist Diplom-Pädagogin. Als Gründerin, Geschäftsführerin und Lerntherapeutin der "Arbeitsgruppe Pädagogische Lernförderung e.V." betreut und fördert sie seit vielen Jahren Kinder mit Lern- Leistungsstörungen. Die Schul- und ADS-Expertin ist Autorin mehrerer Bücher und verantwortliche Redakteurin des Beratungsportals www.lernfoerderung.de. Für mobile-elternmagazin.de.de berät Uta Reimann-Höhn im "Expertenrat" rund um das Thema Schule.
mobile-elternmagazin.de: Würden Sie also sagen, dass Eltern zum Teil gar nicht so gut beurteilen können, ob ihr Kind schulfähig ist?

Reimann-Höhn: Ja, aber nur bezogen auf diesen Aspekt. Ich denke es ist sehr wichtig, dass alle Aspekte zusammen betrachtet werden. Wie die Eltern ihr Kind sehen und schildern, wie die Erzieherinnen es sehen, und die Schule muss sagen, was sie von einem Kind fordert. In der Schule wird von einem Kind ja vor allem verlangt, sich an Regeln zu halten, an die es sich zu Hause und auch im Kindergarten nicht halten muss. Es muss eine bestimmte Zeit am Stück arbeiten, sich in eine Gruppe integrieren und kleine Konflikte aushalten können. Zu Hause kann man nicht so genau erkennen, ob ein Kind dazu schon in der Lage ist. Eltern merken, dass ihr Kind kognitiv so weit ist, den Schulstoff mitzubekommen. Es kann vielleicht schon zählen, Buchstaben lesen und seinen Namen schreiben und hat Interesse am schulischen Lernen. Aber ob ein Kind im Sozialverhalten oder im emotionalen Bereich so weit entwickelt ist, dass es diese Belastungen aushält, das kann man zu Hause gar nicht testen. Deshalb ist es mir wichtig, dass es zu einer Kooperation kommt, dass nicht jeder seinen Standpunkt vertritt, sondern dass sich alle drei Parteien zusammensetzen und die verschiedenen Aspekte besprechen. Unter den Kann-Kindern, also denjenigen, die früher eingeschult wurden, gibt es unverhältnismäßig viele, die dann doch irgendwann ein Schuljahr wiederholen.

mobile-elternmagazin.de: Wer entscheidet in letzter Instanz, ob ein Kind in die Schule kommt oder nicht?

Reimann-Höhn: Die Schulleitung entscheidet, ob ein Kind eingeschult wird oder nicht. Wenn die ein Kind nicht nehmen will, dann kann man wenig dagegen machen. Die Eltern müssen zwar gehört werden und können Gutachten beibringen, wenn sie der Meinung sind, dass ihr Kind frühzeitig eingeschult oder zurückgestellt werden soll. Diese Gutachten müssen auch berücksichtigt werden, die Schulleitung hat aber das letzte Wort. Wenn die Eltern damit nicht einverstanden sind, gibt es in den Bundesländern verschiedene zentrale Schulberatungsstellen, an die man sich wenden kann, aber auch die haben nur eine Beratungsfunktion und die Entscheidung liegt letztlich wieder bei der Schulleitung.

mobile-elternmagazin.de: Was würden Sie Eltern empfehlen, wenn die Schule Bedenken hat, ihr Kind einzuschulen, die Eltern aber anderer Meinung sind?

Reimann-Höhn: Wenn die Schule sich noch nicht endgültig gegen eine Einschulung entschieden hat, dann würde ich Gutachten einholen. Das kann zum Beispiel eine Bescheinigung vom Kinderarzt, eine schulpsychologische Untersuchung oder eine Stellungnahme von den Erzieherinnen sein. Man kann auch darauf bestehen, dass das Kind einen offiziellen Schulfähigkeitstest macht. Manchmal hat ein Kind vielleicht einen schlechten Tag und sitzt heulend in der Ecke. Dann sagen die Eltern, dass ihr Kind normalerweise anders ist, aber die Schulleitung sagt, dass das Kind, so wie sie es erlebt hat, noch nicht schulfähig ist. Dann kann man so einen offiziellen Test machen lassen. Die sind genormt und schon aussagekräftig.

mobile-elternmagazin.de: Was können Eltern tun, wenn sie ihr Kind zurückstellen lassen möchten?

Reimann-Höhn: Eine Zurückstellung ist in der Regel einfacher. Erst mal machen Kinder ja die Gesundheitsamtuntersuchung, und da können sich schon Gründe zeigen, warum ein Kind noch nicht eingeschult werden soll. Dann werden automatisch die Eltern darüber informiert. Und wenn sie mit einer Zurückstellung einverstanden sind, wird das Kind auch gar nicht erst zur Schuluntersuchung eingeladen. Wenn die Schuluntersuchung aber doch stattfindet, dann gibt es ein Gespräch zwischen Schulleitung und Eltern, bei dem beide Parteien ihre Gründe darlegen, warum ein Kind zurückgestellt werden sollte oder nicht. Bei diesem Gespräch sollte eigentlich eine Einigung erzielt werden, und je mehr Belege Eltern für ihre Meinung, also für die Rückstellung, anbringen, desto einfacher ist das auch zu bewerkstelligen.

mobile-elternmagazin.de: Was würden Sie Eltern empfehlen, wenn ihr Kind den Einsschulungstest nicht bestanden hat?

Reimann-Höhn: Da muss man natürlich ganz individuell gucken, warum das Kind den Test nicht bestanden hat. Ein Kind, das zum Beispiel Probleme mit der Gruppenfähigkeit hat, sollte unbedingt in dem Jahr in irgendeiner Form Gruppenförderung erhalten. Ansonsten sollte man von Fall zu Fall prüfen, welche Förderung am sinnvollsten ist. Es gibt Schulen, die eine Vorklasse anbieten, es gibt den Schulkindergarten und unter Umständen bleiben Kinder auch noch ein Jahr im Kindergarten und gehen dann in eine Vorschulgruppe. Die Vorklasse halte ich persönlich für sehr gut. Da wird ein Kind langsam in den Schulalltag eingeführt. Weil es schon in der Schule ist. Es bekommt auch schon alles mit: die neuen Räumlichkeiten, die fremden Kinder, die festen Zeiten, aber die Leistungsanforderungen sind eben noch nicht da. In der Regel schaffen die Kinder es innerhalb eines Jahres sehr gut, sich an den Schulalltag anzupassen und haben dann in der ersten Klasse überhaupt keine Schwierigkeiten.

mobile-elternmagazin.de: Warum ist das Thema Schulstart für manche Eltern mit so vielen Unsicherheiten und Ängsten verbunden?

Reimann-Höhn: Viele Eltern, deren erstes Kind in die Schule kommt, haben keine Vergleichsmöglichkeit und wissen nicht, was ein Kind wirklich in der ersten Klasse leisten muss. Sie sind sehr unsicher, fürchten vielleicht, etwas falsch zu machen und haben kein Vertrauen in die Entscheidungen der Schule und des Kindergartens. Natürlich treffen Schule und Kindergarten auch mal falsche Entscheidungen, weshalb man schon aufpassen muss als Eltern. Aber man sollte sich sehr gut informieren, bevor man einen großen Wirbel um die Einschulung macht, den das Kind ja auch mitbekommt und der den Schuleinstieg belastend gestaltet. Viele Eltern halten es für ganz positiv, wenn ihr Kind früher in die Schule kommt als die anderen, aber dass sie ihm letztlich damit auch schaden können, sehen sie nicht. Je informierter Eltern sind, desto weniger Schwierigkeiten gibt es meines Erachtens. Und abschließend möchte ich noch mal darauf hinweisen, wie wichtig es für die richtige Entscheidung ist, dass alle zentralen Instanzen - Eltern, Erzieherinnen, Lehrer - gemeinsam zu einer einvernehmlichen Lösung kommen, die das Wohl des Kindes in den Mittelpunkt der Entscheidung stellt.

Die Fragen stellte Julia Ubbelohde.
Andere Artikel zu diesem Thema
Schule braucht Zeit
Diagnose: Hochbegabt - Kleine Superhirne: Sonntags- oder Sorgenkinder?
Bald beginnt die Schule - Den Schulstart gespannt, aber gelassen erwarten
Ganztagsschule - und alles wird gut? - Die Ausbaupläne der Bundesregierung stoßen auf Begeisterung und Skepsis





top     back    
Produkte zu diesem Thema
 
Auf ins Abenteuer Sprache!



Marit Borcherding

€ 7.95



Wörterspiel und Sprachsalat



Christina Buchner

€ 3.90



Kunterbunte Zahlenwelt



Christina Buchner

€ 3.90



Schulstart leicht gemacht



Christina Buchner

€ 2.50



Sprache - Schlüssel zum Schulerfolg



Christina Buchner
Verlag Herder
€ 2.50



Einmal 1. Klasse, bitte!



Uta Reimann-Höhn

€ 7.95




Die Zeitschrift
Bücher von mobile
Aktuelle Artikel zum Thema Erziehung

Schritt für Schritt zum Töpfchen
Kinder beim Sauberwerden begleiten
Spricht mein Kind richtig?
Sprachentwicklung beobachten und fördern
Eifersucht unter Geschwistern
Eifersucht - ein Pflänzchen, dem man das Wasser abgraben kann

mobile - Das Elternmagazin für die Kindergartenzeit

mobile ist die kreative Zeitschrift für junge Eltern und ihre Kinder: von Erziehungsproblemen über Öko- und Reisetipps bis hin zu einem Kinderteil mit Rätseln, Suchbild und Bildergeschichten: für nur € 12,60 im Jahr.
Jetzt bestellen...

Der kostenlose Ideen-Newsletter von mobile

Mit unserem Gratis-Newsletter informieren wir Sie laufend über aktuelle Tipps zum Basteln, Spielen und Lesen. Newsletter bestellen

Service & Community
Expertenrat
Forum
Gewinnspiel
Babysitterbörse
Links
weiterempfehlen als Startseite Lesezeichen
   Kindergarten | Schulstart | Erziehung | Gesund & munter | Wir Eltern
   Freizeit & Erholung | Familie kreativ | Shop
   Home | AGB | Kontakt | Impressum | Media-Daten | Webmaster
     (c) 2001-2014 by mobile-elternmagazin.de, einem Service der Verlag Herder GmbH