 |
 |
  |
 |
 |
 |
Wir Eltern | Geld & Beruf |
 |
 |
 |
 |
 |
 |
| "Es gibt eine schleichende Verarmung" |
Ein Gespräch mit Jürgen Buchhorn von der Freiburger Schuldner- und Insolvenzberatung über die Überschuldung von Familien
|
| |
Die Zahl der Privatverschuldungen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Auch viele Familien sind von dieser Entwicklung betroffen. Wenn ein Elternteil den Arbeitsplatz verliert oder ein anderes kritisches Ereignis eintritt, kann das eine existenzbedrohende Situation auslösen. mobile sprach mit Jürgen Buchhorn von der Schuldner- und Insolvenzberatung Freiburg darüber, warum Familien in die Überschuldung geraten und mit welcher Hilfe sie aus dieser Situation wieder herauskommen.
mobile-elternmagazin.de: Wer darf in die Schuldnerberatung des Landratsamtes kommen?
Jürgen Buchhorn: Grundsätzlich jeder. Aber in erster Linie richtet sich die Beratung an Menschen, welche die Grundsicherung für Arbeitsuchende erhalten, nämlich Arbeitlosengeld-II-Bezieher, und an Personen, die anderweitige Hilfe bekommen, zum Beispiel Sozialhilfe oder die Grundsicherung wegen Krankheit oder Alter. Aber wir beraten auch Arbeitnehmer. Und zwar immer dann, wenn das Einkommen nicht ausreicht, um die Familie komplett zu ernähren. Oder wenn etwa durch Lohnpfändung der Verlust des Arbeitsplatzes droht. Hier werden wir natürlich tätig. In den anderen Fällen schauen wir, ob wir präventiv tätig werden müssen: also ob wir die zukünftigen Folgen der Überschuldung vermeiden können.
mobile-elternmagazin.de: Was bedeuten Schulden für eine Familie?
Jürgen Buchhorn: Wir als Fachleute differenzieren da: Schulden hat ja heutzutage jeder, Privatpersonen, Unternehmen und nicht zuletzt der Staat. Das ist zunächst nichts Schlimmes. Solange die laufenden Zahlungsverpflichtungen erfüllt werden können, ist das alles kein Problem. Schwierig wird es erst, wenn ich mit den Zahlungen in Verzug gerate. Das nennen wir dann Überschuldung. Dann gibt es natürlich massive Probleme in der Familie. Schließlich ist das Thema Geld mit der häufigste Grund für Streitereien in der Ehe. Aber natürlich sind nicht nur die Partner betroffen, sondern das ganze System Familie einschließlich der Kinder. Das geht von den konkreten materiellen Einschränkungen bis hin zu den ganz extremen Beispielen, wo es dann auch zu Gewalt gegen die Kinder kommt, weil die psychische Belastung für die Eltern so groß wird.
mobile-elternmagazin.de: Was sind die Hauptursachen für Überschuldung bei Familien?
Kontakt: Landratsamt Landkreis Breisgau-Hochschwarzwald Jürgen Buchhorn (Schuldnerberater) Telefon: 0761/2187-2284 Juergen.Buchhorn@Breisgau-Hochschwarzwald.de Homepage der Schuldnerberatung Dort unter "Informationsmaterial und Arbeitshilfen" findet sich auch ein Vordruck zur Erstellung eines Haushaltsplanes.
| Jürgen Buchhorn: Ganz oben stehen Arbeitsplatzverlust und Arbeitslosigkeit. Aber es findet zudem ein schleichender Prozess statt: Auf der einen Seite sinken die Realeinkommen seit Jahren, auf der anderen Seite sind die Ausgaben in der Regel gestiegen. Da geht die Schere auseinander. Wir haben so etwas wie eine schleichende Verarmung. Natürlich gibt es noch andere kritische Lebensereignisse, hauptsächlich die Trennung von Partnern. Wenn Zahlungsverpflichtungen gemeinsam gerade so erfüllt werden konnten, dann geht das nach der Trennung in keinem Fall mehr! Dann droht die Überschuldung.
mobile-elternmagazin.de: Wie versuchen Sie, den betroffenen Familien zu helfen?
Jürgen Buchhorn: Wir machen zunächst eine Bestandsaufnahme: Welche Probleme gibt es? Wir sehen die Schuldnerberatung als soziale Arbeit und sind eng vernetzt mit anderen sozialen Diensten.
mobile-elternmagazin.de: Das heißt, Sie verweisen die Betroffenen unter Umständen weiter?
Jürgen Buchhorn: Genau, etwa wenn ein ernsthaftes Alkoholproblem vorliegt und eine Entgiftung und Therapie gemacht werden muss. Dann arbeiten wir mit den Kollegen zusammen. Aber das entscheiden wir nach der Faktenlage.
mobile-elternmagazin.de: Wie geht es dann weiter?
Jürgen Buchhorn: Ganz wichtig ist, dass wir schon im Erstgespräch versuchen, den Prozess des Schuldenanstiegs sofort zu stoppen. Wir suchen also zunächst den Grund für die Überschuldung. Und deshalb machen wir einen Haushaltsplan. Da notieren wir, was die Einnahmen und was die Ausgaben sind. Und das arbeiten wir systematisch durch, so dass wir am Ende wissen, wo das Geld hingeht. Wir klären dann ab, ob die Familie alle sozialen Leistungen, die ihr zustehen, auch wirklich in Anspruch nimmt. Aber wir schauen natürlich auch alle Ausgaben durch. Diese Konfrontation mit dem gesamten Haushalt ist für alle Betroffenen neu. Niemand hat das bisher von selbst gemacht! Wenn das erst mal alles aufgelistet ist, wird plötzlich klar, welche Beträge ausgegeben werden. Da liegt auch häufig die Crux der langsamen Verschuldung. Weil die Menschen oft schon lange über ihre Verhältnisse gelebt haben. Dann genügt oft ein Ereignis wie die Geburt eines Kindes, die Frau fällt als Mitverdienerin aus - und plötzlich ist die Überschuldungssituation da.
mobile-elternmagazin.de: Geben Sie den Familien dann konkrete Ratschläge?
Jürgen Buchhorn: Ja, wir besprechen jeden Posten des Haushaltsplans einzeln und geben Tipps zum Kostensparen. Oder wir streben auch schon mal größere Lösungen an, wenn bei jemandem zu viele Faktoren nicht stimmen: Er wohnt zu teuer, zu weit entfernt vom Arbeitsplatz, das Auto kostet zu viel - da muss man vielleicht sogar Umzug, Arbeitsplatzwechsel oder sogar beides empfehlen.
mobile-elternmagazin.de: Danach kümmern Sie sich um die Überschuldungssituation?
Jürgen Buchhorn: Dann wird geschaut, welche Hilfen notwendig sind. Es gibt diese ganz klaren Fälle, da sind sehr hohe Schulden da aus einer gescheiterten Immobilienfinanzierung oder einer früheren Selbständigkeit, die nicht geklappt hat. Dann wissen wir: Das ist ein klar umrissenes Problem. Und wenn der Betrag entsprechend hoch ist, raten wir zum Insolvenzverfahren. Aber häufig sind eben nicht nur Schulden da.
mobile-elternmagazin.de: Gibt es denn Familien, die häufiger betroffen sind als andere?
Jürgen Buchhorn: Wenn man eine Familie hat, die klassisch organisiert ist - Vater berufstätig, Mutter Hausfrau, zwei Kinder - und der Mann dann den Job verliert, dann hat das einschneidendere Konsequenzen als bei einer Einzelperson. Denn Arbeitslosengeld II reicht in der Regel nicht. Da bewegen sich die Familien schnell an der Armutsgrenze. Auch ein Rollentausch findet in der Regel nicht statt: Wir schlagen oft vor, dass die Mutter arbeiten geht, der Vater bei den Kindern bleibt und vielleicht in Teilzeit einen Hausmeisterjob macht, so dass die Familie zumindest wieder über das Arbeitslosengeld-II-Niveau kommt. Aber das gelingt ganz selten, denn oft sind die Familien zu eingefahren.
mobile-elternmagazin.de: Wie sehen Sie die gesellschaftliche Entwicklung?
Jürgen Buchhorn: Das Schuldenproblem in unserer Gesellschaft hat in den letzten Jahren zugenommen, davon sind auch die Familien betroffen. Inzwischen ist bei vielen angekommen: Die Verschuldung ist vorwiegend ein gesellschaftliches Problem und kein individuelles.
mobile-elternmagazin.de: Überspitzt gesagt: Wer Schulden hat, ist also nicht selber schuld?
Jürgen Buchhorn: Es gibt die äußeren Faktoren, aber auch die individuellen Anteile. Das sind gewisse persönliche Defizite und Defekte, insofern gibt es da natürlich auch immer eine persönliche Verantwortung des Einzelnen. Trotzdem erhält jeder bei uns die Unterstützung, die ihm helfen soll, wieder schuldenfrei zu werden. In der Beratung ist das allerdings kein Thema, wir beraten nicht auf der Basis von moralischen Aspekten.
Die Fragen stellte Tino Heeg.
|
 |
|
|
 |
 |
Tornados im Wasserglas |
Mit mobile aktiv den Forschergeist fördern
|
Expertenrat |
Fragen oder Probleme?
Unsere ExpertInnen helfen Ihnen gerne weiter
.
|
|